Allen Menschen kann man es nicht recht machen

Aus „Die schönsten Fabeln“ von Oldrich Syrovatka, illustriert von Jiri Trnka,  Artia Verlag Prag, 1962, 92 Seiten.

Ein Müller beschloß, seinen Esel zu verkaufen. Damit aber das Eselein auf sem Weg nicht müde werde und auf dem Markt hübsch munter sei, trugen der Müller und sein Sohn ihn huckepack auf ihren Schultern. Sie gingen langsam, Schritt für Schritt, seufzten und stöhnten unter der schweren Last. So begegneten sie einem Wanderer. Als dieser sie erblickte, brach er in lautes Gelächter aus.

Was seh ich da für eine Narretei? rief er. Was ist das doch für ein Einfall, sich so mit einem Esel abzurackern, zu schinden und anzustrengen! Das habe ich mein Lebtag noch nicht gesehen.

Da sagte der Müller zu sich: Er hat recht. Wozu sich mit dem Esel abmühen? Er setzte seinen Sohn auf ihn und so zogen sie weiter auf dem Weg zur Stadt.

Tja, so kann es gehen. Erst schleppt man selber den Esel, was wirklich ziemlich blöde ist, dann kommt ein Kerl und lacht einen aus und schon sitzt  der Bengel auf dem Esel. Dann kommt ein weiterer Wanderer der wir verrückt schimpft, weil der Junge reitet und der alte Herr laufen muß. Also wechselt man wieder die Positionen und kaum sitzt man selber auf dem Esel, kommt ein junges Frollein daher und schimpft einen aus, weil der unglückliche Knabe sich im Staube der Straße dahinschleppen muß, währen man selber protzig auf dem Esel sitzt. Es ist nicht zum aushalten … komm mein Sohn, setzen wir uns beide auf den Esel und reiten gemeinsam bis zur Stadt. Und nun kommt was kommen mußte. Der nächste Wanderer ist ein Tierschützer dem das Wohl des Esels am Herzen liegt. Was seid ihr doch für herzlose Menschen. Das arme, schwache Tier kann sich ja kaum noch auf den Beinen halten. Tja, man kann es wirklich nicht allen Leuten recht machen.

Ischka und Milka

Nach einem Wasserschaden waren wir gezwungen, große Teile der Wohnung umzuräumen, neu zu sortieren und gleichzeitig zu überlegen, an welchen Dingen das Herz hängt und welche Sachen vielleicht doch wegkönnen. Unzählige Bücher haben wir an Stadtteilbibliotheken und Lesecafes abgegeben und während wir so über den Kisten hockten um die Bestände zu sichten, fanden sich immer wieder alte Schätzchen und liebgewonnene Kindheitserinnerungen. Oft waren es die ersten, eigenen Bücher, die wir selber ohne elterliche Hilfe gelesen hatten. „Ein Teufel namens Fidibus“, „Ponny Pedro“, „Vierbeinige Freunde“ von Vera Tschaplina (ich wollte damals auch unbedingt einen kleinen Löwen zu Hause haben) und dann ist da noch dieses Büchlein im roten Leinen mit dem Eselchen vorne drauf: „Menschen und Tierkinder“ von Olga Perowskaja.

Die Ferien begannen. Als meine Schwestern und ich heimkamen, waren alle im Gemüsegarten. Wir liefen schnell hin und zeigten unsere Zeugnisse. Darauf stand MIT AUSZEICHNUNG! Tüchtige Mädels, lobte die Mutter. Dafür müssen Vater und ich euch etwas schenken. Was meinst du, Vater? Sonja stieß mich verstolen mit dem Ellenbogen an: Sagˋs jetzt …

Ich hüstelte vor Aufregung und brachte hervor: Wir brauchen keine Geschenke.

Nanu, wieso denn?

“Das heißt, wir brauchen schon, gebt uns jedem einen Rubel, und so jedes Jahr, wenn wir mit Auszeichnung versetzt werden. Wir sparen nämlich für einen Esel.

(…)

Vater steiß den Spaten in die Erde, richtete sich auf und kramte in seinen Taschen. Ich sehe, ihr habt die Sache solide aufgezogen. Da möchte ich Teilhaber werden. Hier sind noch fünf Rubel. Das ist mein Beitrag. Nehmt eure Kröten und heidi auf zum Viehmarkt.

Olga Perowskaja, „Menschen- und Tierkinder“, mit Zeichnungen von W. Watagin und I. Godin, übersetzt von Leoni Labas, Progress Verlag, Moskau 1966, 264 Seiten.

Daniil Charms und der Esel

Ich, Petka und der Esel zuletzt

Eine Geschichte von Daniil Charms, illustriert von Willi Glasauer und übersetzt von Ganna-Maria Braungardt, wird heute, hier und jetzt im Eselbook vorgestellt.

Wir setzten den langen Mann ins Auto, legten ihm den Esel auf den Schoß und reichten ihm das Boot.

(…) Wir fuhren und pfiffen uns eins.

Illustration von W. Glasauer zu D. Charms „Ich, Petka u.d. Esel zuletzt“, im Aufbau Verlag 2007

Kennen Sie Daniil Charms? Ich mag die Texte des russ. Schriftstellers. Sie sind herrlich schräg und versponnen, es sind Sätze, die so wirr wie das Leben sind und die mich jedenfalls gut unterhalten.

Wenn ich es richtig weiß, dann wurde er um 1905 (das Revolutionsjahr) herum in St. Petersburg geboren. Damals lag das russische Kaiserreich schon im sterben und Daniil Iwanowitsch, der schon frühzeitig lesen und schreiben gelernt hatte, wußte wohl auch nicht so recht, wohin sein Weg ihn führen würde. Ein technisches Studium brach er ab und auch die Filmakademie konnte ihn nicht all zu lange begeistern. Er freundete sich mit modernen Theterschaffenden an, war fasziniert von der ins Absurde hinein übersteigerten Darstellung des Alltäglichen und wohnte in einer Kommunalka – einer Art WG aus eigener und angeheirateter Familie. Was sicher jede Menge Stoff lieferte. Er heiratete, wurde geschieden, heiratete wieder und unter seine kurzen Stücke schrieb er Charms.

Er war sogar Mitglied im Dichterverband. Doch weil er seine Beiträge nicht bezahlte, flog er postwendend wieder raus. Zusammen mit einem Freund gründete er eine Künstlervereinigung. Es gab wohl sogar eine Aufführung von einem Charms-Stück, dann entdeckte die politische Führung das respektlose Treiben und schon war die Künstlergruppe wegen staatsfeindlicher Aktivitäten verboten.

1932 wurde er erstmals wegen antisowjetischer literarischer Umtriebe verurteilt und in die Verbannung geschickt.

In seinen letzten Jahren schrieb er fast ausschließlich für Kinder und Jugendliche. Liebenswerten Nonsens, der unverfänglich war und vermutlich einen erträglichen Lebensunterhalt ermöglichte.

1937, jetzt begann der Terror erst richtig, wurde Charms wieder politisch verfolgt. 1941 wird er erneut verhaftet, irgendwann in die Psychiatrie überstellt und im Februar (während der Leningrader Blockade) ist Daniil Charms vermutlich verhungert.

Ja und trotz dieses Schicksals blieben seine Erzählungen bis weit in die 90er Jahre hinein mehr oder weniger verboten. Warum eigentlich?

Illustration v. Willi Glasauer zu D. Charms „Ich, Petka u.d. Esel zuletzt“ im Aufbau Verlag 2007

Ich liebe diesen Nonsens. Ich liebe auch Marschak und Bulgakow. Irgendwie ist wohl auch mein eigenes Leben so verworren wie diese Geschichten und es hat nie funktioniert, da wirklich Ordnung hineinzubringen. Konstant waren nur einige Freunde, meine Eltern, die Musik und seit einiger Zeit mein Esel …

Nun ging es uns allen gut, und wir pfiffen uns eins.

Illustration v. W. Glasauer zu D. Charms „Ich, Petka u.d. Esel zuletzt“ im Aufbau Verlag 2007

Wilhelm Busch und die doppelte Moral

O heiliger Antonius von Padua, bleib mir zu jeder Stunde nah, und laß mich doch auf dieser Erden, Auch so ein frommer Heil`ger werden! – O heiliger Antonius von Padua, Du kennst mich ja!

Da sitz ich nun am Sonntagmorgen und trinke Kaffee ohne Sorgen, ich lese hier und schmunzel da, über den Antonius von Padua aaa.

Es geht also noch etwas weiter mit dem heiligen Antonius und seinem Esel. Wobei diese Geschichte hier für den Esel, das sage ich lieber gleich vorweg, kein gutes Ende nimmt. Das ist nichts für schwache Nerven und taugt sicherlich nicht als Gutenachtgeschichte für jüngere Eselfreunde. Ist aber auf jeden Fall gut geeignet um noch eins draufzusetzen und dem Ernst des Alltags mit einem Augenzwinkern zu begegnen. Wilhelm Busch eignet sich prima für eine Esel-Sonntagsgeschichte.

Denkt man an Wilhem Busch, dann sicherlich in erster Linie an die Bildergeschichten von Max und Moritz (eine Bubengeschichte in sieben Streichen).

Max und Moritz gar nicht träge, sägen heimlich mit der Säge, Ritzeratze! voller Tücke, In die Brücke eine Lücke, und als diese Tat vorbei, hört man plötzlich ein Geschrei:

He, heraus! Du Ziegen-Böck, Schneider, Schneider, meck, meck, meck. – Alles konnte Böck ertragen, ohne nur ein Wort zu sagen; aber wenn er dies erfuhr, ging`s ihm wider die Natur. Schnelle springt er mit der Elle, über seines Hauses Schwelle, denn schon wieder ihm zum Schreck, tönt ein lautes: meck, meck, meck!

Nun, Sie wissen ja bestimmt, daß die Geschichte kein gutes Ende nimmt. Zuerst natürlich nicht für den Schneider und zum Schluß nicht für die beiden Bösewichter. Wobei das gute Ende nicht unbedingt Buschs Sache gewesen sein muß. Egal ob der Rabe Hans Huckebein oder die fromme Helene, Fipps der Affe oder Plisch und Plum, meist gibt es Ärger im Paradies und selbst das kleine Glück zum Schluß erscheint mitunter etwas zweifelhaft.

„Der heilige Antonius von Padua“ ist auch so eine Bildergeschichte von Wilhelm Busch und wenn man die Zeichnungen genauer betrachten, dann fällt die antiklerikale Einstellung mit der Busch hier zu Werke geht sofort ins Auge. Entstanden ist die Geschichte, die sich nicht in allen Ausgaben findet, in den Jahren von 1865 bis 1870 und es ist eine ausgesprochen hintersinnige Abrechnung mit der abergläubischen Frömmelei und dem Dogmatismus, die sich auch in den Überlieferungen zum heiligen Antonius finden. Versucht man sich jetzt noch das Umfeld der 1870er Jahre vor Augen zu führen, dann wird schnell klar, gegen wen und was W. Busch hier mittels Federstrich zu Felde zieht. Schon die zweite Zeichnung der Antonius-Geschichte – sie zeigt eine Nonne im Keller – spielt auf ein Vorkommnis in einem österreichischen Kloster an, wo eine Nonne von ihren Mitschwestern eingemauert worden sein soll, während die Heiligenmalerei sich steigender Beliebtheit erfreute … wegen ihrer Nützlichkeit. Da mußte sich einfach Widerspruch regen. Zumal die Geschichte im ersten Anlauf nicht einmal gedruckt werden konnte. Verleger Eduard Hallberger war nämlich auch für die Herausgabe der katholischen Bilderbibel verantwortlich und sah hier ein gewisses Konfliktpotential. Witzig ist, daß man daran dachte, Wilhelm Busch zum Teil mittels einer Ladung Zigarren zu entlohnen. Als die Geschichte vom Heiligen Antonius dann wenig später bei Schauenburg in Lahr erschien, war sie völlig unfreiwillig von höchster Aktualität. Kaum im Handel verkündete man auf dem 1. Vatikanischen Konzil unter Papst Pius dem IX. das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes und die badischen Behörden, in deren Amtsbereich die Veröffentlichung des Büchleins fiel, beschlagnahmten sofort alle Exemplare derer sie habhaft werden konnten. Was für eine Idiotie. Gegen den Verleger wurde wegen Erregung eines öffentlichen Ärgernisses, Herabwürdigung der Religion und Verbreitung unzüchtiger Schriften Anklage erhoben und vermutlich hätte man auch den Urheber der Bildergeschichte gern verhaftet. Doch weil dieser für die badische Staatsanwaltschaft nicht erreichbar war, stand am 27. März 1871 erstmal nur der Verleger selber vor Gericht. So kann`s gehen, wenn man in die Mühlen der Behörden gerät. Am Rande sei vermerkt, daß am gleichen Tage ein Pfarrer wegen Kindesverführung und Mißbrauch vor Gericht erscheinen mußte und sich der Prozess gegen Buschs Homor, der die Unnatürlichkeit des Zölibats aufs Korn nimmt, somit selber ad absurdum führte. An dieser Stelle sei das damals sehr beliebte katholische Erbauungsbuch „Unser Lieben Frauen Calender“ erwähnt, wo für jeden Tag wenigstens eine Wundertat zu Ehren der Jungfrau Maria zu finden ist und ein frommer Klosterbruder an den Brüsten der Heiligen Jungfrau saugen darf. Allein die Vorstellung paßt so gar nicht zur verordneten Prüderie und Moral jener Zeit. Der Verleger wurde zum Leidwesen der Staatsanwaltschaft freigesprochen und die beschlagnahmten Werke mußten zurückgegeben werden. Was aber nicht bedeutete, daß fortan frei gelacht werden durfte. Österreich, Preußen und das zaristische Rußland verboten das Werk auch weiterhin und ließen immer wieder ganze Auflagen konfiszieren, und im Königreich Bayern hat man Busch seine Respektlosigkeiten bis zu seinem Tode nie verziehen. Obwohl einstimmig von den Mitgliedern vorgeschlagen, wurde ihm die Aufnahme in den Maximiliansorden und die damit verbundene Erhebung in den Adelsstand verweigert. Gestört haben wird es ihn nicht. War ihm doch alles Getu von Herzen zuwider.

Antonius jedenfalls beginnt seine Wallfahrt mit einem Esel.

Ein Christ verspüret großen Drang, das heil`ge Grab zu sehn, Drum will Antonius schon lang, Dahin wallfahren gehen. Es schickt sich, daß ein frommer Mann, die Sache überlegt; er schafft sich einen Esel an, der ihm den Ranzen trägt.

Und so ziehen Antonius und sein Esel gen Jerusalem.

Jetzt ist Mittagspause, dann Mittagsschlaf, anschließend werde ich mehrere Tassen Espresso benötigen und dann geht es weiter. Schließlich ist heute Sonntag.

So, pünktlich um 16:25 geht es mit der Eselei und dem heiligen Antonius bei Wilhelm Busch weiter. Versprochen ist versprochen.

Wie also der Antonius und der Esel so durch die Gegend ziehen, kommt hinter einem Gebüsch ein Bär hervorgesprungen und der frißt den Esel von hinten nach vorne komplett auf.

Wunderbar dargestellt ist an dieser Stelle die Seelenruhe, mit der unser frommer Antonius das Leid des Esels erträgt.

Um am Ende den Bären für seine Zwecke einzuspannen. Klar, Strafe muß sein und ich habe da wenig Mitleid mit Meister Petz. Doch die zur Schau gestellte Gleichgültigkeit des heiligen Mannes illustriert sehr schön, worum es wirklich geht: Um das alleinige Seelenheil des Antonius.

In diesem Sinne wünscht das Eselbook noch einen schönen Sonntagabend.

 

Antonius von Padua – heilig mit Esel

Kennen Sie Antonius von Padua? Nein? Also das geht so nicht. Wer sich für Esel begeistert, sollte Antonius unbedingt kennen. Ich z.B. bin zwar Heide mit Leib und Seele, doch immer wenn mir etwas wegkommt rufe ich den heiligen Antonius an … oder meine Freundin (das kommt auf`s Gleiche raus) und schneller als gedacht ist der gesuchte Gegenstand wieder zurück bei mir. Antonius ist toll … fast so gut wie Freundin. Am Kühlschrank klebt ein Magnet mit dem Bildnis – des Antonius!, die Freundin hängt natürlich nicht am Kühlschrank – und davor werfe ich mich dann auf die Knie und hoffe auf Erinnerung. Manchmal finde ich lecker Vanille-Eis. Sie sehen, es funktioniert.

Der so um das Jahr 1190 als Antonius Patavinus in Lissabon geborene Antonius war Theologe, Franziskaner und Prediger und wurde schon wenige Monate nach seinem Tod 1231 heiliggesprochen – das ist Rekord. Und auf dem Wege dorthin gab es wenigstens ein überliefertes Esel-Erlebnis und davon möchte ich heute berichten. Vielleicht läßt sich die besonders schnelle Heiligsprechung auch durch die Eselgeschichte erklären. Ich könnte mir kaum einen besseren Grund vorstellen – heilig durch Esel. Also will ich mal versuchen, die Geschichte des Antonius zu erzählen.

Soweit bekannt, entstammte der Junge einer portugisischen Adelsfamilie und schon im Jugendalter begann seine Ausbilung zum Prister. Er trat dann wohl den Franziskanern bei, zog später als Missionar nach Marokko, wurde krank, mußte Afrika verlassen, geriet in einen schweren Sturm und kam in Sizilien an. Was nach Odyssee klingt ist auch ohne antike Monster ausgesprochen spannend. Antonius verbrachte etwas Zeit als Einsiedler, als ihm das zu langweilig wurde vertrat er die Franziskaner bei wichtigen Versammlungen und auf einem Konvent lernte er sogar den Ordensgründer Franz von Assisi kennen. Beeindruckt von derart viel Glaubenskraft legte sich Antonius richtig ins Zeug und weil er sehr gut formulieren konnte und seine Worte von großer Überzeugungskraft waren, wurde er nach Norditalien entsandt, wo er in der von Glaubensunruhen erschütterten Romagna den katholischen Gedanken unter Katharern und Waldensern verbreiten sollte.

Und glauben Sie mir, der Antonius war mit seinen Predigten sehr erfolgreich. Schließlich gehörte er zu den besten Rednern seiner Zeit. Am Ufer es Rimini z.B. sprach er zu den Fischen, weil die Bürger (damals garantiert nur Männer) ihn nicht hören wollten, und die steckten ihre Köpfe aus dem Wasser und lauschten andächtig seiner Stimme. Anschließend traten fast alle Bürger von Rimini umgehend zum katholischen Glauben über. Das nenne ich Überzeugungskraft. Da schnappen die Fische nach Luft, vermutlich wegen Umweltverschmutzung, und schon lassen sich die Leute taufen. Wunder über Wunder. Aber Fische sind noch lange kein Esel und deshalb geht die Geschichte jetzt weiter.

Es begab sich einmal, daß Antonius mit sturen Häretikern, die unbedingt an ihrer Irrlehre festhalten wollten, im Disput lag und Antonius wußte nicht, wie er diesen Herren Erleuchtung hätte beibiegen könnte (das Verbrennen von Ketzern kam erst später in Mode). Zugegeben ist es auch wirklich nicht besonders leicht, einem Ungläubigen die rettenden Eigenschaften des Sakraments der Eucharistie zu vermitteln. Ich käme auch nicht auf die Idee, beim Anblick einer geweihten Hostie sofort an die Anwesenheit von Jesus Christus zu denken. Doch derlei Zweifel hielten Antonius nicht vom missionieren ab. Er befahl, daß man sein Lasttier, einen braven Esel, für drei Tage ohne Futter einsperren sollte. Nach dieser Zeit würde er in Gegenwart der ganzen Zweifler den Grauen wieder herauslassen und das ausgehungerte Tier zwischen einer Schüssel mit Hafer und einer Hostie postieren. Antonius war unerschütterlich im Glauben und seiner Überzeugung nach würde selbst der hungrige Esel in der Hostie seinen Herrn erkennen und nicht sofort losfressen. Gesagt, getan, der Esel mußte drei Tage hungern, wurde anschließend zwischen Hafer und Hostie postiert und …

neigte seinen Kopf vor der Hostie und deutete einen Kniefall an.

Wie schon gesagt: Manche Dinge muß man glauben. Aber das ist ja das Schöne daran und wenn Sie mal etwas verbummeln, dann können Sie den heiligen Antonius anrufen. Der ist nämlich ein sehr vielseitiger Patron. Achtung, aufgemerkt. Antonius beschützt neben Bäckern und Schweinehirten, auch Bergleute, Reisende und Sozialarbeiter und er ist für das Auffinden verschwundener Dinge zuständig – weswegen er auch den Spitznamen Schlampertoni trägt.

Eselsohren in der Praxis

Liebe Leserinnen und liebe Leser, liebe Esel!

Damit niemand hier denkt, dem Eselbook wären die Themen ausgegangen, arbeite ich einfach erstmal die Esel-Weihnachtsgeschenke auf und hoffe, Ihnen damit auch eine Freude zu machen.

Stellen Sie sich vor, man würde Ihnen ein Buch schenken, welches nur darauf wartet ordentlich geknickt zu werden. Ein Buch, was zu Eselsohren einlädt. „Das können Sie knicken“ lautet das Motto und da wir uns dem Thema Eselsohren in theoretischer Form bereits widmeten, ist es nun an der Zeit, zügig zur Praxis zu kommen. Ja, ja, keine Hemmungen, nehmen Sie die Seite dort und machen Sie einen schönen Knick hinein.

(ESELSOHREN von Lea Kutz, Text Lea Kutz und Ulla Mothes, ein Projekt d. Bauhaus Universität Weimar, DuMont Buchverlag, Köln 2013

Das Buch ist selbstverständlich eine Pflichtknickerei für alle Eselfreundinnen und Eselfreunde.

 

 

Der Esel Cosidesimo

Gebrauchsanweisung für schöne Stunden.

Man benötigt, wenn kein gutes Wetter zur Hand ist, 1 Couch oder einen bequemen Sessel. Ich selbst bevorzuge unbedingt eine Couch – doch ein Sessel mit Hocker davor geht natürlich auch. Dazu eine Decke und diverse Kissen, 1 Tasse Tee (zum Nachmittag hin Kaffee), Kekse oder Schokolade (besser beides), bei Bedarf eine Lesebrille, wenigstens ein oder zwei Katzen, Ruhe und ein gutes Buch. Die Frage, was ein gutes Buch ist, die läßt sich relativ leicht beantworten: Ein gutes Buch handelt von wenigstens einem Esel und hier kommt mein Vorschlag für dieses Wochenende.

„Der Esel Cosidesimo“ von Bettina Weber

Von klein auf hört Cosidesimo, dass Esel dumm, störrisch und völlig überflüssig sind. Inzwischen glaubte er es schon selbst, bis er in dem liebenswerten Clown Cosimo und dem patenten Zirkusmädchen Chiara zwei Freunde findet, die mit ihm durch dick und dünn gehen.

 

Die Fabel vom Pferd und dem Esel

In einer Zeit, in der Menschen davon sprechen nur noch tun zu wollen was ihnen Spaß macht und zugleich betonen, ein jeder wär ganz allein für sein Glück und Wohl verantwortlich, kann es nicht schaden, sich die eine oder andere Fabel anzuschauen.

Das Pferd und der Esel

Es war einmal ein Bauer, der hatte sein Pferd und seinen Esel gleichmäßig beladen und führte sie zum Markte, wo er mit seinen Waren Handel treiben wollte. Nach einer guten Strecke des Weges fühlte der Esel seine Kräfte schwinden und so bat er das Pferd kläglich: „Du bist viel größer und stärker als ich, musst nicht schwerer tragen. Nimm doch bitte einen Teil meiner Last, sonst werde ich bald am Boden liegen.“

Hartherzig antwortete das Pferd: „Ich habe selbst genug an meiner Last zu tragen.“

Keuchend schleppte sich der Esel weiter, bis er erschöpft zusammenbrach. Der Bauer drosch noch auf den Esel ein, aber er war schon tot. Da blieb nichts weiter übrig, als die ganze Last des Esels auf das Pferd zu packen. Auch wollte der Bauer noch etwas von dem Esel retten, zog ihm das Fell ab, und legte es dem Pferd oben auf.

Das Pferd bereute nun seine Hartherzigkeit und klagte: „Ach, wie leicht hätte ich dem Esel ein Stück Last abnehmen können. Wäre er noch lebendig, müsste ich nicht gleich alles tragen.“

Ob Aesop (gr. Aisopos oder lat. Aesopus), der ein berühmter Dichter der griechischen Antike war und unzählige Fabeln und Gleichnisse aufschrieb, wirklich so um 6. Jh. vor Chr. lebte, nach Plutarch einem Justizmord zum Opfer fiel (nach einer fadenscheinigen Anklage von einem Felsen gestoßen wurde) oder so wie Herodot berichtet in Delphi zu Tode kam, ist heute Teil der Sagenwelt – Genaues ist nicht überliefert. Doch mit Sicherheit darf der Dichter als Vorbild für die gesamte, europäische Fabeldichtung angesehen werden.

Sie war ein Blümlein – ein Eselgedicht von Wilhelm Busch

Blumen im Maul

SIE WAR EIN BLÜMLEIN

Sie war ein Blümlein hübsch und fein, hell aufgeblüht im Sonnenschein. Er war ein junger Schmetterling, der selig an der Blume hing.

Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm, und nascht und säuselt da herum. Oft kroch ein Käfer kribbelkrab, am hübschen Blümlein auf und ab.

Ach Gott, wie das dem Schmetterling, so schmerzlich durch die Seele ging.

Doch was am mesten ihn entsetzt, das Allerschlimmste kam zuletzt. Ein alter Esel fraß fraß die ganze von ihm so heiß geliebte Pflanze.

 

Wilhelm Busch

 

Der schwarze Esel – ein Roman von Luise Rinser

Es gibt Bücher, die man im Abstand vieler Jahre vielleicht noch einmal lesen sollte … gar neu entdecken kann. Und Luise Rinser (geb. 1911, gest. 2002) gehört zu genau diesen AutorInnen, deren Bücher ich als Jugendlicher regelrecht verschlungen habe und die mir leider nur wenig im Gedächtnis geblieben sind. Schemenhaft tauchen einige Gestalten und Erzählstränge auf, wenn ich an „Mitte des Lebens“ oder die „Geschichten aus der Löwengrube“ denke („Wer wirft den ersten Stein“); dann weiß ich, daß mir die Texte heute vermutlich viel mehr geben würden als vor dreißig Jahren – Literatur wächst immer auch zusammen mit dem Leser. Zumal ich mich heute sicher mehr auf den Inhalt konzentrieren könnte und nicht so leichtfertig und oberlehrerhaft kritisch zwischen den Zeilen herauszulesen versuchte, was längst wissenschaftlicher Konsens ist: Luise Rinsers Rolle während der NS-Zeit bleibt umstritten und schmälert dennoch nicht ihre Texte. Es ist eine Sprache, die unheimlich packend und dicht ist, die mich faszinierte und in ihren Bann zog. Heute finde ich es nicht mehr interessant, ob jemand an seiner Biographie feilte (wohl jeder Lebenslauf ist leicht frisiert und geschönt), sich unkritisch großen Führerfiguren gegenüber verhielt – „Nordkoreanisches Reisetagebuch“ – und in jungen Jahren ein Loblied auf den Führer geschrieben hatte. Heute könnte ich mich auf das konzentrieren was Literatur im Kern ausmacht: Die Geschichte.

„DER SCHWARZE ESEL“  gehört zu den spät erschienenen Büchern und ich würde behaupten, die Erzählung ist deutlicher und ehrlicher als viele ihrer anderen, früheren Werke. Das Buch ist vielleicht nicht so bekannt, doch es fällt total aus dem Rahmen, bricht mit der elenden Tradition, sich im Geiste ihrer Protagonistinnen einem starken Führer anzubiedern und in dessen Nähe zu wachsen – von ihrem Hitlerwahn dürfte sie ohnehin schneller geheilt worden sein als gedacht, nachdem sie nach erfolgter Denunziation für zwei Monate im Frauengefängnis eingesessen hatte. Es folgten später Karl Rahner (bedeutender Theologe), Ernst Jünger und Kim il Sung, der Dalai Lama und selbst vor Jesus machte diese Führerhörigkeit nicht halt. Vorbei ist es damit erst im Roman DER SCHWARZE ESEL, vorbei ist es mit dieser katholischen Askese und der Glaubenshörigkeit, vorbei ist es mit der fortdauernden Ambivalenz aus Fiktion und Autobiographie. Diesmal geht es nicht um eine einzelne Gestalt, eine Frauenfigur, sondern gleich um vier alte Frauen (der Roman ist eine Fortsetzung des Frühwerkes DIE STÄRKEREN VON 1948), die nun gut 70 Jahre alt sind und deren Lebenswege sich unverhoft wieder kreuzen. Wenn man mich fragt, welches Buch von Luise Rinser ich empfehlen würde, dann mit Sicherheit den SCHWARZEN ESEL. Weil ich es unglaublich spannend finde, wie die Puzzelteile der vier Leben sich Stück für Stück zusammensetzen, ein Bild ergeben und mir dieses Bild nicht moralisch vorsortiert auf dem Tablett serviert wird. Keine langweilige Unterscheidung in gut und böse, in Heilige und Sünder … der eigene Kopf erzeugt ein Bild und folgt in eine Geschichte voller Überraschungen und ich weiß Luise Rinser mit Sicherheit an meiner Seite, wenn ich z.B. den Begriff Freundschaft als viel zu oft unklar, oberflächlich und spannungslos interpretiert und gelebt empfinde. Manche Dinge sind einfach nicht verhandelbar; denn fallen Unverbindlichkeiten und Oberflächlichkeiten erst einmal ab, stehen die Figuren merkwürdig einsam und leer. Es ist der Moment der selbst-Erkenntnis, welcher oft spät kommt und der einer Reise gleicht. Dann fallen Sicherheiten und Gewißheiten in kleine Stückchen auseinander, die darauf warten neu geordnet zu werden und am Ende heißt es: „So eine Fahrt macht man nur einmal im Leben“.

DER SCHWARZE ESEL