Eselwanderung – ein fauler Tag zum Schluß in Cassagnas

2.6.16 – der letzte Tag 

So lange habe ich während der letzten Tage nicht geschlafen und fast wäre ich zu spät zum Frühstück gekommen. Ich lasse zwar das Frühstück gern ausfallen, weil ich mir denke, der Körper kann erstmal was leisten, bevor es Nahrung gibt. Doch heute sitze ich mit Wonne im Speisesaal und bediene mich nach Herzenslust. Was der Esel kann, kann ich auch und schon lade ich mir den Teller wieder voll. Nassis wurde natürlich längst begrüßt und ich habe ihn aus der Koppel gelassen, damit er stromern kann.

Hund auf Esel

Zusammen mit dem kleinen Wuffi streift er jetzt umher und bettelt die Wanderer an, die das Hotel zu ihren Tagestouren verlassen. Er weiß, ein jeder von denen hat ein Lunchpaket dabei und versuchen kann man es ja einmal. Anschließend bespreche ich mit Annabel, wo ich mein Zelt aufstellen kann; da kein Bett frei ist, werde ich eine Nacht auf dem Campingplatz schlafen und meinem Süßen damit eine große Freude machen. Er liebt es, wenn er in meiner Nähe sein kann und zum Campingplatz nehme ich ihn natürlich mit. Wenn er könnte, würde er sofort mit ins Zelt krabbeln. Nimm deinen dicken Kopp da raus, ich muß den Reißverschluß zumachen damit keine Mücken reinkommen. Ich räume meine Sachen ins Zelt und weil die Sonne scheint, zupfe ich den Grauen am Ohr und gemeinsam drehen wir eine kleine Runde zum Fluß. Es ist die Mimente, die in unmittelbarer Nähe vorbeifließt. Zurück in der Unterkunft packt mich der Tatendrang und ich miste die Eselkoppel richtig aus und während ich den Dreck wegschaffe und neues Stroh auslege, kommt plötzlich Armand angeschlendert und setzt sich auf einen Espresso kurz hin, wir plaudern über seine letzten beiden Wandertage, tauschen Adressen und Telefonnummern aus und nachdem er Nassis eine Möhre spendierte marschiert er auch schon wieder weiter. Die Möhre ist ein gutes Stichwort, denke ich mir und schlendere zurück zum Hotel, wo ich mir anschaue, was es zum Mittagessen alles geben wird. Der gesunde Appetit meines Esels scheint ansteckend gewesen zu sein. Zur zeitlichen Überbrückung gönne ich mir noch einen Espresso, schreibe noch eine Postkarte, schaue hoch und da steht Marie vor mir – einen Tag eher als geplant – und lacht über das ganze Gesicht. Wir packen alle Sachen in den Transporter und ich muß Nassis herbeiführen, weil der so tut, als würde er Marie nicht kennen. Ich verabschiede mich von Annabel, schiebe Nassis in den Hänger und keine halbe Stunde später sind wir unterwegs und machen einen kleinen Umweg über La Borie,

La Borie

wo wir an der Station La Ferme de Cévennes, ein Ort, den ich nur empfehlen kann, noch einen anderen Esel abholen, der mit einem schweizer Ehepaar für eine kleine Strecke unterwegs war. Nassis darf während wir warten aus dem Hänger, ich streife umher und schaue mir die kleine Käsefabrik an, die sich unterhalb des Gites befindet.

Käserei

In Gedanken mache ich Pläne für den nächsten Urlaub, hier muß ich auch unbedingt mal übernachten und während ich Nassis in meinen Plan einweihe, spitzt der die Ohren und hebt den Kopf. Ich folge seinem Blick und da kommen die beiden Wanderer mit dem anderen Esel. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Nassis stürmt los und vor lauter Freude reiben die Tiere ihre Köpfe aneinander und während wir Menschen noch etwas plaudern, bleiben die beiden ganz dicht beieinander. Da war ich wohl für fast zwei Wochen der menschliche Ersatzesel, Bezugspunkt und dringen benötigte Gesellschaft. Man sollte nicht allein mit einem Esel wandern. Ich sitze, den Kopf voller Erlebnisse, neben Marie im LKW, schaue immer wieder durch das kleine Fenster nach hinten zu den Eseln. Unterwegs entdecken wir unsere gemeinsame Liebe zur Musik der Sinti und Roma, Marie sucht die Suite Armenienne Les Yeux Noirs, ein junger Mann am Straßenrand entpuppt sich als Maries Sohn, in Langogne kaufen wir Pizza und dann ist es nur noch ein kleines Stück bis nach Le Plagnal, wo eine kleine Überraschung in Gestalt eines entzückenden Eselbabys auf uns wartet.

Eselbaby u. marie

Da steht sie, die kleine Eseldame, steht auf wackligen Beinen, mit riesigen Schlappohren und Marie ist außer sich vor Glück. Ich lasse die beiden Esel aus dem Hänger, stoße mir den Kopf das es blutet, dann beißt mich im Gedränge ein Esel in den Daumen, was noch heftiger blutet und irre schmerzt. Was für ein Tag. Marie verarztet mich, fährt erstmal heim und ich stehe noch eine Weile an der Koppel und betrachte voller Freude das kleine Poitou-Eselbaby. Dann schiebe ich Balu vor die Tür, damit er Wache hält, lege mich hin und schlafe sofort ein. Für eine letzte Nacht bin ich der König vom Eselhof.

Eselwanderung – auf dem Stevensonweg von Mijavols nach Cassagnas

1.6.16 – der zehnte Wandertag auf dem GR 70

Inzwischen ist Armand aufgestanden und entpuppt sich als großer Katzenfreund; das Katzentier selber allerdings als ordentlicher Raufbold, doch das soll meine Sorge nicht sein. Ich bemuttere meinen Nassis und prüfe etwas sorgenvoll seine Hufe, die sich im Verlauf unserer Tour deutlich abgelaufen haben. Es ist alles ok, aber ich entscheide mich für die kürzere Strecke und nehme ihm noch etwas Gewicht ab und nach einer herzlichen Verabschiedung geht es sofort los in Richtung Cassagnas. Der Graue läuft ohne jedes Kommando, ohne Führstrick und Stöckchen neben mir, gemeinsam schlendern wir dahin und folgen diesmal nicht den Anweisungen der Routenbeschreibung, sondern gehen kurz hinter dem Dorfeingang auf die Straße, die in einer Haarnadelkurve rechts abbiegt und uns somit erstmal unterhalb des Gites fast zurücklaufen läßt. Ein Herr bestätigt die Richtigkeit des gewählten Weges und obwohl wir auf einer kleinen, alten Straße ins Tal laufen, kann ich diesen Weg nur empfehlen. Niemand außer uns ist auf der Straße unterwegs und keinem Auto mußten wir ausweichen. Alles, was in den letzten Tagen noch im Kopf hin- und herbewegt wurde, was ich immer wieder neu durchdachte und mitschleppte, ist wohl irgendwo da oben in den Bergen geblieben und jetzt läuft es sich so ungemein fröhlich und beschwingt. Der Eselkopf neben mir pendelt leicht hin und her, ganz so als wolle er zustimmend nicken und ich überlege kurz, ob es ein gutes Zeichen ist, daß der Kopf nach zehn Tagen Wanderung leer ist. Endlich leer. Gab es nicht mehr, was bedenkenswert sein sollte? Ist das alles? Sollte es da nicht mehr geben? Umsäumt von Wiesen und Wäldern, die zugleich etwas Schutz vor dem Nieselregen bieten, laufen wir zügig bergab, im Tal rauscht ein kleiner Bach und die Kastanienwälder zeigen das schönste Grün. Castanea sativa, die Ess- oder Edelkastanie, gibt es zwar in ganz Südfrankreich, doch hier in den Cevennen wurden die Kastanien seit dem Mittelalter großflächig angepflanzt und die häufig anzutreffende Bezeichnung Brotbaum verdeutlich ihre regionale Bedeutung. Interessant finde ich die Zugehörigkeit der Edelkastanie (Gattung Castanea) zur Familie der Buchengewächse Fagaceae. Die Nussfrüchte, die Kastanien, enthalten viel Stärke und sind damit nahrhaft, was Mensch und Tier erfreut. Gekocht, gegrillt, oder roh, gar eingelegt und auch zu Mehl vermahlen, als Brotaufstrich und Marmelade, die Blätter für das liebe Vieh und aus dem Holz der Bäume konnte alles hergestellt werden, was irgendwie notwendig war. Allein die geringe Anbaufläche an den Berghängen war für jede Art von Landwirtschaft ein Problem und so finden sich bis heute die typischen, von kleinen Steinmauern abgegrenzten Terrassenfelder. Mir gefällt das leuchtende Grün der gezackten Blätter und wer schon einmal eine so richtig alte Kastanie gesehen hat, wird wissen, wie groß die Bäume werden können und wie ehrwürdig sie erscheinen. Das Wetter wird besser und besser, der Nieselregen setzt für immer größerwerdende Phasen aus und wir kommen unglaublich schnell voran. Nassis frißt zwar unentwegt, doch er ist wieder zur Technik des Freßlaufens übergegangen und bleibt nur selten stehen. Noch einmal kontrolliere ich seine Hufe und überlege, ob die restliche Strecke zum Problem werden könnte. Im Moment jedoch ist alles in Ordnung und Nassis läuft prima. Schnell sind wir in St. Julien d‘ Arpaon, treffen einen liebenswerten Herrn, der die Gelegenheit nutzt um sein eingerostetes Deutsch auszuprobieren und spazieren durch die alte Burgruine. Das Örtchen, ein kleiner Weiler, liegt oberhalb des Stevensonweges und wird leicht übersehen. Doch wir sind derart schnell und haben es nicht mehr weit, daß ich mich zu dem kleinen Umweg entschließe. An diesem Punkt der Wanderung stoßen wir wieder auf den markierten Stevensonweg – Mijavols, unser letztes Ziel, lag ja etwas abseits von der üblichen Route – und laufen jetzt auf der alten Eisenbahntrasse weiter.

Tunnel

Mimente

Die Mimente rechts unter uns schlängelt sich durch ein malerisches Tal und ich nutze das inzwischen schöne Wetter für ein kühles Bad. Das Wasser ist klar und leuchtet in den tollsten Farben und kleine Wasserfälle gibt es auch. Die Leichtigkeit und Schönheit dieser Tour scheint eine Art Belohnung für die Strapazen der vorangegangenen Etappen zu sein und erst jetzt nach mehr als fünf Stunden treffen wir auf andere Wanderer. Doch heute darf allein Nassis das Tempo bestimmen (ob er deshalb so rennt? Hej mein Freund, dies soll eine Wanderung sein, ein gemeinsamer Spaziergang. Von Dauerlauf war nicht die Rede) und niemand ist schneller als wir. Nur eine Sekunde später wechselt er ohne jede Vorwarnung in einen flotten Galopp, spurtet über eine kleine Wiese auf eine Gruppe von drei Wanderern zu, die auf Baumstämmen sitzend beim Picknick sind. Ok denk ich mir, er wird wohl nachschauen wollen, was die Herrschaften auf ihren Broten haben. Ich lasse ihn laufen, weil mein Süßer freundlich begrüßt wird und es scheint, als hätte man ihn längst erwartet. Vielleicht schmeichelt es auch ein wenig, wenn ein Esel angetrabt kommt und sein Interesse bekundet. Der Kumpel von einem Esel zu sein hat was. Doch Vorsicht bei der Interpretation eselischer Ausdrucksformen, weil aus Freude leicht Entsetzen wird und Interesse durchaus in Peinlichkeit umschlagen kann. Nassis stellt sich ins Zentrum des Picknicks, entspannt sich und läßt es laufen. Er pißt und pißt und pißt. Ich könnte im Boden versinken und eile, um ihn von dort wegzuholen. Allein es ist zu spät. Schämst du dich denn gar nicht? Was soll denn das? Ich entschuldige mich umständlich und während sich die Leute neue Plätze suchen, schleife ich meinen Esel zurück auf den Weg. Mein Gott, was war denn das für eine Aktion? Wie kommt ein Tier auf so eine verrückte Idee? Wir ziehen eilig weiter und es dauert Minuten, bis ich mich wieder an der Schönheit der Landschaft erfreuen kann und Nassis scheint sich durch Einsatzbereitschaft entschuldigen zu wollen.

Bahnweg

Er läuft neben mir her und drückt manchmal seinen Kopf gegen meinen Arm – ist alles gut mein Süßer? Sein Kopf pendelt leicht im Rhythmus der Schritt hin und her und er legt noch einen Zahn zu. Wir schaffen gute 5km in einer Stunde und sind noch vor 12 Uhr im Espace Stephenson, der nächsten Unterkunft, die ca. drei Kilometer unterhalb von Cassagnas liegt. Für Nassis das Ende der Reise, aber das sage ich ihm noch nicht. Seine Hufe sind am Ende und es wäre unverantwortlich, ihn noch weiter laufen zu lassen – diesen Entschluß faßte ich während der letzten Stunden. Ich höre lieber auf, so lange er sich noch wohlfühlt. Ein unachtsamer Schritt, ein scharfkantiges Steinchen und leicht könnte er Schmerzen haben und verletzt werden. Gedanken, die ich nur schwer ertrage. Damit entfällt die letzte Etappe und Marie kann uns auch hier in Cassagnas abholen. Ich kenne den Zielort von früheren Reisen, habe nicht das Gefühl etwas zu verpassen, mein Ziel nicht erreicht zu haben. Stattdessen freue ich mich auf einen faulen Tag ohne Ziel. Ich werde bei meinem Nassis sein, Tagebuch schreiben, schlafen und viel essen … so der Plan. Die Eselkoppel ist wunderbar, der kleine Hotelwuffi freut sich über den großen Freund und ich nehme, da das Zimmer noch nicht fertig ist, vor der Bar Platz.

Hunde freund 1

Die junge Dame spricht leider nicht ein Wort englisch, Internet für Gäste gibt es nicht, das Telefon hier unten im Tal ist nichts weiter als ein Fotoapparat und als nach über einer halben Stunde das Zimmer benutzbar ist, sind auch hier die Heizkörper kalt. Ich dusche, sehe mich morgen schon wieder in feuchten Schuhen und Klamotten, fange wieder an mich zu ärgern und entdecke den gelben Dreckrand am unteren Ende des Duschvorhanges. Mein Gott, dies hier ist keine einfache Hütte in den Bergen, die nichts weiter tun soll als den Wanderer vor den Unbilden der Natur zu schützen, dies ist ein Hotel und in der Hoffnung auf etwas Wärme und Verbindung in die Außenwelt, laufe ich die vier Kilometer nach Cassagnas, wo man bei Lichte betrachtet auch nicht tot überm Zaun hängen möchte. Wozu dieses Nest eine öffentliche Toilette hat wird mir ein ewiges Rätsel bleiben; immerhin, es gibt eine Post. Ein Cafe, eine Bäckerei, irgend etwas, was die Sinne frohstimmt und für Frieden sorgt ist nicht zu finden und ich bin schon wieder auf dem Rückweg, als mich ein Mann über seinen Zaun hinweg anspricht und fragt, ob er mir helfen könne. Er freut sich mich zu sehen, schaltet sofort um auf englisch, seine Frau öffnet die Tür und schon sitze ich in der guten Stube, habe Internet für die nötigen eMails bezüglich des Rücktransportes aus Cassagnas, informiere Marie über den Zustand des Tieres und gleichzeitig wird mir etwas warm – ums Gemüt. Sie sind nett die Franzosen. Zurück im Hotel stelle ich fest, daß einer der beiden Zimmergenossen es geschafft hat, einen alten Ölradiator aufzutreiben. Das Zimmer ist warum und nun wasche ich doch fix meine schmutzigen Sachen und lege mich für ein Stündchen hin, bis mich Nassis‘ I Aahh aufweckt. Vor seiner Koppel stehen gut 10 Leute die ihn freudig streicheln, was mich daran erinnert, daß er heute noch nicht gestriegelt wurde (einen nassen Esel darf man nicht striegeln). Der Gute läßt sich die Fellpflege sichtlich gefallen, hält mir inzwischen bereitwillig die abgelaufenen Hufe hin und ich überlege, ob er den Rest der Tour nicht doch noch ohne Probleme geschafft hätte. Es sind nur noch 35 km bis ins Ziel, der Weg ist weich und größere Anstrengungen sind nicht mehr zu erwarten. Aber nein, ich will kein Risiko eingehen und ich kenne St. Du Gard sehr gut. Nassis war mir trotzdem ein treuer und lieber Begleiter und meine Reise wird so ein besseres Ende nehmen, als wenn ich mich später ständig fragen würde, ob ich dem Esel zu viel zugemutet, ihn gar gequält hätte. So ist es auch gut. Nein, wir werden heute und morgen schön faulenzen und danach geht es für uns in Auto und Hänger zurück nach La Plagnal, wo er erstmal Urlaub von den Strapazen der Reise machen kann und ich mich verabschieden muß. Über all diesen Gedanken ist mein Ärger verflogen und ich setze mich runter vor die Bar, wo es einen kleinen Tisch mit Ausblick auf meinen Esel gibt. Der Espresso ist, wie schon auf der ganzen Reise, lausig und verdient den Namen wirklich nicht, aber als Kaffee ist er ok und die letzte Stunde bis zum Abendbrot wird schnell vergehen. Ich entdecke im Nacken der jungen Dame die kein Wort englisch spricht die Tätoowierung „Love is a Battlefield“ bestelle mir eine Cola und beschließe, mich einfach zu freuen. Noch dreißig Minuten bis zum Abendbrot, durchs Fenster beobachte ich meinen Esel wie er friedlich sein Stroh kaut, werde immer wieder vom Wanderern angesprochen, die mir die Bilder von uns auf ihren Telefonen zeigen und klebe Briefmarken auf Postkarten. Ob die Leute wohl vor zehn Tagen auf diesen erfolgreichen Abschluß der Wanderung gewettet hätten? Der Tag, der mit Sturm und Regen begann, endet in den freundlichsten Farben und das Abendbrot, ein überreichliches Buffet mit zahlreichen lokalen Spezialitäten, ist wunderbar, Annabel die Chefin stellt mir am Ende gar ihren eigenen Computer hin, damit ich die wichtige Korrespondenz erledigen kann und während ich an der Bar sitze und noch einen Pernod trinke, ertönt aus dem Speiseraum schöner Gesang. Die große Reisegruppe, die mir schon einen Rotwein spendierte, hat angefangen Volkslieder zu singen, dann folgen Gedichte und Geschichten, einzelne Mitglieder tragen etwas vor und es wird reichlich gelacht.
21 Uhr gehe ich überglücklich ins Bett.

Tage 10, 11 u. 12, über Mijavols & Cassagnas nach Le Plagnal

Ein langer Nachtrag und ein Eselbaby zum Schluß.

Ich bin, Kopf und Herz voller Erinnerungen und Emotionen, wieder daheim in Berlin und bevor es in den kommenden Tagen und Wochen so nach und nach all meine Notizen als komplettes Tagebuch hier im Blog geben wird, gibt es heute (auch weil es mir selber Freude macht) die letzten drei Tage in Kurzform/ im Schnelldurchlauf.

Mijavols, bei Martin und Francis Chaptal zu Gast.

Ich habe von diesem Weg, der uns von Pont de Montvert nach Mijavols führt, nicht sehr viele Fotos, weil das Wetter so schlecht war und ich keine Lust zum fotografieren hatte. Vielleicht ist das erste Bild, welches meinen treuen Esel im Regenumhang zeigt, das beste, weil ehrlichste Bild des Tages, welcher mit Regen begann und endete – was sicher kein Grund zur Freude ist. Doch die Umstände, die mich am Zielort erwarteten, dürfen durchaus als Höhepunkt der Tour betrachtet werden. Auch wenn ich, dies sei nicht verheimlicht, einige Zeit brauchte, um mich darauf einzulassen.

Regenjacke

Ich verlasse die Auberge des Cevennes mit gemischten Gefühlen. Mich ärgert die ausgeschaltete Heizung, mein Kleidung wurde über Nacht nicht trocken, mich störte der Kaffee in der Espressotasse aus der Mikrowelle, die Lieblosigkeit vieler Details, die einfach nicht zu diesem charmanten Haus, seinen wirklich netten MitarbeiterInnen und dem tollen Abendbrot paßten. Doch der Regen läßt mich schnell an den neuen Tag denken und ich weiß, wo es gestern noch runterging, wird es heute wohl auf der anderen Seite für ein gutes, schweres Stück bergauf gehen und Nassis läuft erstmal nicht besonders lustvoll. Mein Stöckchen kratzt hinter ihm auf der Straße und treibt ihn so vorsichtig an und oft ziehe ich ihn zurück auf den Weg, wenn er zu sehr am linken oder rechten Wegesrand frißt. Weiter und hoch und schneller bitte. Geh, geh, geh. Nach einer Stunde holt uns die erste Wandergruppe ein und heute mache ich mir diesen Umstand doch recht gern zu nutze, lasse Nassis kurz fressen und als echtes Herdentier mit Freude an der Gruppenarbeit läuft mein Esel zusammen mit den zahlreichen Wanderern ohne weitere Probleme bis auf die Hochebene, die aus satten Wiesen, großen Granitfelsen und Ginster zu bestehen scheint. Wolken ziehen knapp über und in den Tälern auch unter uns hinweg, ich halte mein Stöckchen über den Abgrund und pickse in den Nebel – es könnte Zuckerwatte sein. Sekunden später verirrt sich ein Wölkchen über unseren Weg, mein Nassis zieht den Kopf ein und für einen kurzen Moment tauchen wir ein in den Nebel, verschwindet die Landschaft um uns herum. Der Weg ist schön und führt uns schnell dem Ziel entgegen und der Regen setzt zum Glück immer wieder für längere Zeit aus. Nach einiger Zeit verlassen wir wieder den Stevenson Weg und biegen ab nach Mijavols, wo wir heute unterkommen werden. Alleine laufen wir weiter und ich freue mich über die Konzentration und Nähe zu meinem vierbeinigen Begleiter. Was stört mich der einsetzende Regen und kurz vor 15 Uhr sind wir in Mijavols. Das Haus auf der rechten Abhangseite wird es doch nicht etwas sein? Da hinten ein Dach mit Folie und Autoreifen abgedeckt macht mir Angst, niemand da, kein Mensch weit und breit und mit Entsetzen entdecke ich das Schild Gite d’étape. Vorsichtig drücke ich auf alle Türklinken, schaue in die vergammelte Scheune, lasse Nassis im Regen stehen, gehe ins Dorf und sehe auch hier keinen Menschen. Wo bin ich nur hingeraten, auf was ließ ich mich da nur ein? Meine Gedanken schwanken zwischen Wut und Verzweiflung, bis ein freundliches „hallo“ mich aus meinen fruchtlosen Gedanken reißt. Ein junger Mann mit Rucksack kommt des Weges, der drückt energischer auf die Türklinke, wir einigen uns auf englisch, 10 Minuten später brennt das Feuer im Kamin und wir kochen Tee und Kaffee, er teilt Brot und Käse mit mir, ich spendiere Nudeln mit Tomatensauce, gemeinsam erkunden wir die Unterkunft, entdecken saubere Toilette, Duschen, ganz einfache Betten, auf die wir unsere Schlafsäcke legen, einen Ölradiator der die nassen Sachen fix trocknet. „Ich bin übrigens Armand„. Auf dem großen Tisch liegt ein Zettel: Abendbrot um 20 Uhr bei Familie Chaptal unten im Dorf. Wir sitzen am Kamin und unterhalten uns, nach und nach kommen weitere Wanderer, es gibt immer wieder Tee und die Zeit vergeht viel zu schnell. Alles da, was ein müder, nasser Wanderer braucht und das Abendbrot im Wohnzimmer bei Martine&Francis wird mir unvergessen bleiben. Mit einer Schale besten Futters für Nassis gehe ich zurück zur Unterkunft. Danke, danke für die schöne Erfahrung.

Von Mijavols nach Cassagnas

5:30 stehe ich auf, schaue sorgenvoll in den Himmel, der stürmisch und regnerisch nichts Gutes für den angebrochenen Tag verheißt. Ich koche mir einen Tee, schleiche leise hinaus in den grauenden Morgen und nur Minuten später sind wir auf dem Weg zum nächsten Etappenziel. Ich entscheide mich wegen Nassis, seine Hufe machen mir Sorgen, für den kürzesten Weg, biege im Dorf scharf nach rechts auf die Straße, wir laufen unterhalb der Herberge wieder ein Stück zurück. Es ist eine kleine, unbefahrene Straße, der Weg führt ständig leicht abwärts, irgendwo im Tal rauscht ein Bach und wir sind allein für uns. Nassis trabt wie ein Hündchen neben mir her, nach wenigen Minuten hört der Regen auf und ich entdecke voller Freude die Schönheit des Weges, die Stille und Abgeschiedenheit. Schnell erreichen wir St. Julien Apron, werfen einen kurzen Blick auf die alte Burgruine und gehen weiter auf einem wunderschönen Weg, der früher mal eine Bahnlinie war.

Bahnweg

Blümchen

Tunnel

Wandern im Tal der Mimente, die sich über kleine Wasserfälle teils rauschend zu Tale bewegt, dem Ziel entgegen. Die Sonne kommt durch und ich bin zuversichtlich, frohgemut.

Mimente 1

12 Uhr sind wir schon am Ziel, weil Nassis teilweise so schnell lief, daß ich nicht mehr von Wanderung sprechen würde. Für ihn gibt es eine wunderbare Koppel und für mich einen Platz in einem Mehrbettzimmer. Das Espace Stevenson liegt toll gelegen im Tal der Mimente und steht (?) auf dem Platz eines alten Bahnhofs. Ich schaue mir die Hufe von Nassis noch einmal sehr genau an und beschließe die Reise hier und jetzt zu beenden. Es geht ihm gut, noch ist alles in Ordnung, doch jeder weitere Tag mit Last wäre ein Risiko und ich möchte meinen tierischen Freund nicht verletzten. Mit Lust und Laune futtere ich mich durch das Abendbuffet, schlafe aus, freue mich für meinen Esel, der einen kleinen Freund gefunden hat und warte auf Marie, die uns abholen wird. Ich habe nicht den Eindruck etwas zu verpassen, weil ich den Zielort gut kenne und wir die Route so oft variierten, daß dieser neue Schlußpunkt so gut wie jeder andere ist. Ein Tag Faulheit wird auch nicht schaden. Dann kommt sogar noch Armand vorbeigewandert und bevor er weiterzieht trinken wir zusammen Kaffee, tauschen unsere Adressen aus und verabschieden uns voller Herzlichkeit.

Hunde freund 1

Hund auf Esel

Tags darauf, ich hab grad die Koppel ausgemistet und das Stroh erneuert, kommt Marie mit einem Pferdetransporter – Sachen rein, ich vorn, Nassis hinten, auf dem Weg wird noch ein Esel eingesammelt und dann fahren wir zurück nach La Plagnal, sprechen über unsere gemeinsame Liebe zur Musik der Sinti und Roma (die ja auch viel mit Wanderung gemeinhaben) und zurück auf dem Hof entdecken wir die niedlichste Überraschung überhaupt – auf wackeligen Beinen steht ein kleines Poitou-Eselbaby da und blickt neugierig in die Welt. Marie freut sich riesig und welch schöneren Abschluß als dieses kleine Eselmädchen könnte es denn sonst für meine Reise geben.

EselbabyMarie1

EselbabyMarie2

Ich darf auch mal.

Eselbaby ich

Eselbaby liegt

Eselbaby2

Mit Pizza und Rotwein feiern wir die kleine Eseldame, beschützt von Balu verbringe ich noch eine Nacht auf dem Hof von Marie und dann heißt es nach 13 Tagen und mehr als 240km von meinem Esel Abschied nehmen. Ich packe das Auto, hänge den Hausschlüssel Balu um den Hals (der sicherste Ort der Welt), stecke Nassis die letzten Leckerlis ins Maul und schnuppere noch einmal an seinem Kopf. Machs gut lieber Freund.

Das letzte Bild.

Letztes Bild