Die Eselsbrücke – Brücken braucht, wer mit Eseln wandert.

Wenn man mit einem Esel wandert, kann es vorkommen, daß ein Wasserlauf den Weg versperrt und wenn man dann Pech hat, entpuppt sich der Esel als wasserscheues Tier. Regen ist kein Problem, aber ein Bach, gar ein Fluß, manchmal langt auch schon eine große Pfütze, und schon geht nix mehr, weil der Esel partout nicht durch das Wasser will. Damit es weitergeht, muß man dem Esel eine Brücke bauen. Sie merken hoffentlich, daß ich es nicht ganz so wörtlich meine. Doch glauben Sie mir, so ein Wasserlauf kann Probleme machen. Jedenfalls dann, wenn keine Brücke da ist. Läuft alles glatt, sieht es so aus:

Foto: Astrid Mechau, Eselin Camilla auf Brücke.

Foto: Astrid Mechau, Eselin Camilla auf Brücke, auf Eselsbrücke.

Und dabei ist es nicht das Wasser selber, was einen Esel am Weiterlaufen hindert, sondern die ungewisse Trittsicherheit der spiegelnden Wasseroberfläche. Der gutmütige Leo, mit dem ich manchmal in der Uckermark spazierengehe, würde niemals einen kleinen Bach durchlaufen. Einmal wären wir beide fast vor einer großen Pfütze verhungert. Mein lieber Narcisse aus Frankreich dagegen war diesbezüglich mutiger. Aber hin und wieder braucht es Brücken, damit es weitergeht, damit weitergedacht werden kann. Es braucht einen gedanklichen Bogen, mit dem zwei Enden eines Weges in Beziehung gebracht werden können, eine Eselsbrücke als Verbindung zum Ziel, womit ich den Begriff wohl umfassend erklärt habe.

Die Eselsbrücke ist ein Merkspruch, eine assoziative Brücke für das Gedächtnis, eine Technik des Memorierens. Auf visuelle oder akustische Art helfen wir uns oder anderen auf die Sprünge, über Hindernisse hinweg … pons asinorum sollte richtig sein.

Gesners Esel – das Eselbook unternimmt einen Ausflug in die Kulturgeschichte des Esels

Wer sich für Esel interessiert, oder so wie ich auf den Esel gekommen ist, wird vielleicht die folgende Abbildung kennen.

Gesners Esel

Der etwas zu langestreckte Esel mit der Löwenmähne und den zu kurzen Ohren. Ein Holzschnitt, den der berühmte schweizer Gelehrte Conrad Gesner vor rund 451 Jahren zur Illustration der Abhandlung über den Esel benutzte, und bevor das Eselbook sich mit dem dazugehörigen Textteil beschäftigen wird, werfen wir doch kurz einen Blick auf den Arzt und Naturforscher, Altphilologen und Künstler, den in der Schweiz jedes Kind kennt, dem man im Botanischen Garten von Zürich ein kleines Denkmal setzte, dessen Konterfei die 50-Franken-Banknote ziert und der neben dem berühmten Thierbuch von 1565 auch noch ein Buch über die Fische und eins über Vögel schrieb. Fische, Vögel und Tiere, eine erste Systematik (die sich natürlich an den Schriften von Aristoteles orientierte) und postum kamen noch Schlangen und Insekten dazu.

Gesner

Conrad Gesner (1516 bis 1565) – manchmal mit doppeltem ss oder ß geschrieben – nutze für seine Schriften nicht ausschließlich antike Aufzeichnungen und Erzählungen dem Hörensagen nach, sondern setzte auf seine eigenen Naturbeobachtungen, die er sorgfältig niederschrieb. Bebildert sind die Bücher mit ausgesuchten Holzschnitten – so finden sich z.B. Dürers Rhinocerus

Dürrers Rhino

und Breidenbachs Giraffe – und weil Gesner selber ganz wunderbar zeichnen konnte, stammen viele der Abbildungen von ihm selber. Ob der Esel von ihm ist, weiß ich aber nicht.

Gesner war jedenfalls ein echtes Universalgenie. Die Gründung des ersten botanischen Gartens der Schweiz geht auf ihn zurück, er legte Pflanzensystematiken an, galt als guter Arzt und noch 300 Jahre später war sein Werk die Arbeitsgrundlage für Charles Darwin. Und wer sich für Pflanzen interessiert, wird vielleicht die Gesneriengewächse kennen, die Charles Plumier in Erinnerung an Conrad Gesner benannte (C. von Linné machte daraus dann etwas später die Gattung Gesneria). Conrad Gesner starb im Alter von 49 Jahren an der Pest. Doch weil sein berühmtes Thierbuch eine ausführliche Abhandlung über den Esel beinhaltet, die in Kürze hier näher vorgestellt wird, sollte Gesner auf jeden Fall im Eselbook erwähnt werden.

Der Anti-Esel, Nietzsches Zarathustra

Niezsche

„Und wahrlich, das ist das Seltsame an einem Weisen, wenn er zu alledem auch noch klug und kein ESEL ist.“ (Zarathustra IV, Abendmahl, 4/355)

Ich muß mein Verhältnis zu Nietzsche überdenken und ungewiß ist, ob ich mich weiterhin als Nietzscheaner bezeichnen werde. Der Frontalangriff gegen den Esel trifft mich persönlich. Mir scheint der Herr Philosoph, der das Militärische so sehr schätzte und sich dabei selber gern in Uniform hoch zu Ross abgebildet sah, hatte keine Ahnung vom Eselgemüt. Alles Herdische, das Massenvieh und jenes stumme Aushalten äußerer Umstände waren ihm ehrlich zuwider. Das Ganze im Zarathustra auf die Spitze getrieben – im Schnelldurchlauf eile ich dahin – ein Aufschrei der Verzweiflung; ist doch die Entwicklung des Menschen zur Höhe, zu Größe und Stärke, Autonomie und Wahrheit, in Gefahr. Vorbei der unnütze Tag des Suchens nach dem höheren Menschen. Ein Abendmahl, welches in voller Freude lachend endet, das Eselfest als Pendant zur religiösen Verehrung des Goldenen Kalbs, um das so gern getanzt wird. Hier wird dem Esel die Ehre zuteil Zeitzeuge und Repräsentant des ewig Gestrigen zu sein, das Alte Testament als unernste Veranstaltung und die Gänse gar begreifen das sich langweilig wiederholende Dasein als Leben, und Zarathustra fühlt seine Stunde gekommen und bricht auf …

ich wette, er hätte einen Esel mitgenommen.

Eselwanderung – Beweggründe & Bewegung – Auf den Spuren von Robert Louis Stevenson

Gedanken zu Anfang und eine Antwort auf die Frage, warum einer mit einem Esel wandern möchte.

Schatten schmal.
Eine Reise zum Geburtstag, eine Wanderung ganz allein, nur in Begleitung eines Esels. Das Tier als Gesellschaft und Weggefährte, schweigend und doch nicht still. Schon immer hielt ich Distanz für einen Zivilisationsgewinn und suchte mir Orte zum träumen. Fluchtmöglichkeiten für die Gedanken und kein Wort der Ablenkung, Robinson Crusoe als Abenteuer und Idee, vielleicht auch Vorbild und Anleitung für das eigene Leben. Es hätte, aus der Sicht eines Jugendlichen der in der DDR aufwuchs, sicher realistischere Ziele gegeben. Doch es waren in Jugendtagen genau diese Bücher, die mich faszinierten und gedanklich zum Reisenden machten. Kapitän Nemo des Kinderzimmers und später Alexander v. Humboldt am Orinoko. Heute hier und morgen da, manchmal allein und dann wieder mit Freunden. Noch nie konnte ich mich für eine Sache entscheiden und bis heute erhielt sich der Wunsch, selbständig die Richtung bestimmen zu können, mir nicht in Wege und Ziele hineinreden zu lassen – was auch für die Gedanken gilt. Das zeitlich begrenzte Alleinsein, und damit verbunden die Stille, ist eine große Verlockung, der ich hin und wieder erliege. Dann schnappe ich mir mein Surfboard, halte das Segel in den Wind und gleite weit hinaus auf die Ostsee. Oft weiter, als klug und vernünftig wär. Doch auf jedes bestandene Abenteuer folgt unausweichlich die Gewißheit, daß das Leben weitergeht. Vielleicht ein wenig beglückter, weil es gelang, der Begrenztheit zu entfliehen und Kolumbus gleich etwas entdeckt zu haben. Ist doch jede Wanderung, jede Reise, jedes noch so kleine Abenteuer, welches uns in Bewegung versetzt und hält, ein Stück erlebte Kulturgeschichte. So lange die Fremde uns anzieht und wir das andere mit Interesse verfolgen, wir neugierig sind – besonders im Geiste -, folgen wir oft einer inneren Bestimmung und werden schnell bemerken, wie leicht es sich denken läßt, wenn wir gehen, die Orte wechseln. Rousseau gar gestand, nur beim gehen denken zu können und wer ohne Hintergrundbeschallung in freier Natur läuft, wird wissen, daß nicht nur die Füße sich bewegen. Wir gehen im Geiste und gehen völlig befreit. Abenteuer und Reise in einem, auf Bewegung folgt Neues, bleiben viele Erinnerungen und für lange Zeit das Wohlgefühl, etwas für uns selbst getan zu haben. Steckt doch in jeder freigewählten Bewegung die Chance, den Richtungszwängen des Alltags zu entfliehen und Neues stellt sich ganz automatisch ein. Es ist wie mit der Reduzierung der Dinge, die wir für eine Reise als wichtig erachten; am Ende bleibt, was wirklich wichtig ist, kommt mit, was unentbehrlich scheint. Glücklich ist, wer seine Beweggründe in Bewegung umsetzen kann. Dort sein zu können wo man gerade nicht ist, war schon immer eine große Verlockung und nachdem ich die übliche Jugendliteratur verschlungen hatte, fielen mir Linnés „Lappländische Reise“, Alfred Brehms Besuch bei den Kirgisen und Jakob von Tschudis „Reiseskizzen aus Peru“ in die Hände. Was trieb wohl Adalbert von Chamisso um die Welt und wer die „Wundersamen Reisen des Caspar Schmalkalden nach West-und Ostindien 1642-1652“ kennt, wird wissen, welches Staunen einen urplötzlich überfallen kann, wenn unser Geist mit Neuem konfrontiert wird. Mit der Entfernung von dem einen Ort hin zu einem anderen lassen wir zurück, was belastet und einengt, was uns auf der Seele liegt. In Ruhe denken zu können ist wie die Fortsetzung eines schönen Traumes, aus dem man zu früh gerissen wurde und der ohne happy end unvollendet blieb. Im Gehen stecken Loslösung und Abstand und schnell haben wir das Gefühl, nicht untätig zu sein. Nichts ist schlimmer als erstarrende Verhältnisse, die uns festhalten und zur Untätigkeit verdammen. So ähnlich hat es Robert Louis Stevenson (1850-1894) wohl empfunden, als er im September 1878 eine Eselin erwarb, sie Modestine nannte und am 22. September den kleinen Ort Le Monastir-sur-Gazeille in Richtung Saint-Jean-du-Gard verließ. Ablenkung und Trost suchte er, Ruhe für die Gedanken in der Zeit des Wartens, während die geliebte Funny auf dem Weg nach New York war, um die Scheidung von ihrem Mann zu erreichen. Bloß nicht untätig sein, sondern in Bewegung bleiben: „„Ich für meinen Teil, ich reise nicht, um irgendwohin zu fahren, sondern um zu fahren. Ich reise um des Reisens willen. Die große Sache ist, sich zu bewegen.“ Ein Jahr später erschien sein Bericht „Reise mit dem Esel durch die Cevennen“.

„In Le Monastir lebte ein alter Mann, nicht ganz richtig im Kopf, wie manche meinten, ständig von den Gassenjungen gehänselt, und überall als Vater Adam bekannt. Vater Adam besaß einen Karren und um selben zu ziehen eine winzige Eselin, sie nicht viel größer als ein Hund, mausgrau, mit freundlichen Augen und einem energischen Kinn. Das Vieh hatte etwas Adrette an sich, schien aus gutem Stall und war von einer puritanischen Eleganz, was mich auf der Stelle für sie einnahm.“

Über viele Jahre hinweg blieb die Erzählung im Bücherschrank, stand neben der „Schatzinsel“ und „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ und war mir nur hin und wieder einen Gedanken wert. Vergessen ausgeschlossen. Was blieb, war das Staunen, welches in Tagträumen oft vorweggenommen wird und was ganz real werden kann, wenn wir gehen und uns in der Natur bewegen. Und wenn wir aufhören, in allen Dingen und Unternehmungen einen Sinn zu suchen, werden wir am Ende etwas erhalten, was uns dieser ewigen Frage viel näherbringt – Sinnlichkeit. Gehen, sehen, stehen, ausruhen und essen, die frische Luft tief einatmen, ohne Störung den eigenen Gedanken folgen können und einfach so dahinlaufen, einem Rhythmus folgen, der durch die Landschaft und den Esel bestimmt, ja vorgegeben wird. Müßte der Kopf nicht nach einer gewissen Zeit zu Ende gedacht haben, was angedacht war? Wie wird es sich anfühlen, wenn man nur noch geht und im hier und jetzt in Begleitung eines Esels unterwegs ist?

Die Antwort darauf würde ich nur finden, wenn ich der Idee aus Jugendtagen folgend eine Reise mache – diese Reise – und der Wanderlust nachgebe. Wanderlust … selbst die Engländer haben dafür kein besseres Wort gefunden.

Im Eselbook ein Eselsohr

Ob der Begriff Eselsohr wirklich auf Andreas Greif zurückgeht weiß ich nicht, aber ein anderer Hinweis auf die in Büchern oder Zeitschriften umgeknickte Ecke, im Sinne der besseren Auffindbarkeit, ist mir nicht bekannt:

drein setzt er manche hand und stern und eselohr und  durchgeflochtenes Band.

Eselohr

Greif, der als wichtiger Dichter des deutschen Barock zu nennen ist, dürfte wohl eher unter dem Namen Gryphius bekannt sein.

Das Eselsohr ist natürlich eine Erinnerung, eine Merkhilfe und Hinweis, ein folium libri complicatum (Blatt, Buch, gefaltet) wie im Wörterbuch der Gebrüder Grimm nachzuschlagen ist. Wo auch steht, daß selten ein Buch ohne Eselsohr zu finden ist und damit wohl weder Mensch noch Buch ohne Tadel/ Fehler sind. Das Eselsohr ist also ein Fehler! Ein Fehler, weil es ohne die Merkhilfe nicht geht, weil die umgeknickte Seite des Tadels würdig erscheint – wer sich etwas nicht merken kann, ist halt ein Esel.

Doch ein richtiges Eselohr ist sehr hellhörig und wunderbar flauschig.

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